Welche Auswirkungen hat der Brexit auf die deutsche Wirtschaft?

Autorin: Katharina Fritz, BSc Business Administration / Praktikantin im IPZ

Am 23. Juni 2016 entschieden die wahlberechtigten Bürger in Großbritannien darüber, ob das Land in der EU verbleiben soll oder nicht. Letztendlich stimmten 51,9 Prozent für einen Austritt. Grund für den Ausbruch aus der EU sind sowohl EU-skeptische Bevölkerungsgruppierungen als auch die Verbitterung über die Reformgeschwindigkeit in der EU.

Über Vor- und Nachteile des Brexit wird viel diskutiert, denn bislang hat es in der Geschichte der EU noch nie einen Austritt gegeben. Niemand weiß welche Position Großbritannien in Zukunft hätte. Was riskieren die Briten also mit dem Austritt aus der EU?

Übereinstimmend sehen die Meisten der Ökonomen folgende wirtschaftliche Nachteile für Großbritannien: Das Land steht davor, seinen Zutritt zum europäischen Binnenmarkt zu verlieren. Dies wiederum bedeutet die Abnahme von Handels – bzw. Warenaustausch und die Zunahme bürokratischer Kosten an den Grenzen durch Zoll. Des Weiteren ist London bekannt als einer der größten und erfolgreichsten Finanzpole weltweit. Die Transaktionen der Finanzdienstleister würden automatisch zurückgehen, der Handel würde verhindert. Einige Banken überlegen sogar ihre Geschäfte auf der Insel selbst zu verkleinern. Ebenfalls entfällt die Arbeitnehmerfreizügigkeit, welche EU-Bürgern ermöglicht, ihren Arbeitsplatz innerhalb der EU frei zu wählen. Für Großbritannien bedeutet das den Wegfall vieler Arbeitskräfte. Zusätzlich steht Großbritannien für ein attraktives Ziel ausländischer Direktinvestitionen aufgrund seines flexiblen Arbeitsmarktes. In Folge des Brexit werden die Investitionen vermutlich schrumpfen. Diese Einbußen werden sich in den nächsten Jahren entfalten und Großbritanniens Wirtschaft immens schmälern.

Dem gegenüber stehen natürlich auch Vorteile, auf welche nun eingegangen wird. Wenn der Austritt tatsächlich erfolgt, müssten die Briten kein Geld mehr nach Brüssel zahlen. Wollen sie jedoch ähnlich wie Norwegen oder die Schweiz Zugang zum Binnenmarkt erhalten, müssten sie zahlen – allerdings weniger als derzeit. Außerdem entfällt viel Regulation durch die EU. Die Briten könnten also ihre Gesetze und Rechte besser an ihr Bestreben und Erwarten des Landes angleichen. Beispielsweise ist es möglich selbst zu bestimmen, wer ins Land kommt und bleibt. Durchaus eine wichtige Thematik in der Flüchtlingsdebatte. Darüber hinaus könnten Handelsbarrieren zu Nicht-EU-Ländern schneller abgebaut und Freihandelsabkommen unmittelbar beschlossen werden (Philipp Seibt (16.06.2016), „Was die Briten mit dem Brexit riskieren“, Spiegel Online.).

Zählt man Vor- und Nachteile zusammen, so erhält man ein wirtschaftliches Endergebnis, welches bei jedem Einzelnen keine positiven Empfindungen hervorruft. Die Folgen des Brexit-Votums zeigen bereits das schrumpfende Wachstum des britischen Bruttoinlandprodukts. Die konjunkturelle Zuversicht wirkt alles andere als rosig (Reuters, (24.08.2017), „Brexit-Folgen bremsen Wirtschaftswachstum“, Handelsblatt.).

Nun bleibt die Frage offen, welche Auswirkungen der Brexit nun für unsere deutsche Wirtschaft hat?

Die Bundesrepublik Deutschland könnte für die britischen Konzerne zu einem Stabilitätsanker in einem aktuell wechselhaften Umfeld werden. Kann Personal aus der Finanzmetropole London abgezogen und nach Deutschland verlegt werden, so wird der Zugang zum EU-Markt gesichert. Wie viele der ausländischen Banken sich am Ende entscheiden werden, wichtige Funktionen oder gar ihren europäischen Sitz nach Frankfurt zu verlagern, darüber wird nach wie vor gerätselt. Berechnungen zufolge sollen ca. 10 000 Arbeitsplätze über See verlegt werden (Finke, Schreiber (31.01.2017), „Brexit-Gewinner Deutschland“, Süddeutsche Zeitung.). Der Finanzsektor in Deutschland könnte also geringfügig gewinnen, doch seien die möglichen Wertschöpfungseffekte in allen Szenarien relativ gering.

Jedoch birgt der Brexit nicht nur Chancen, sondern ebenfalls Risiken. Der Brexit kann für Deutschlands Unternehmen nach Einschätzungen des Finanzministeriums teuer werden. Das britische Pfund schwächelt und lässt Importe aus Deutschland teurer werden. Ist Großbritannien nicht mehr Teil der EU, müssen viele deutsche Unternehmen, die im Königreich engagiert sind, Steuernachzahlungen fürchten. Darüber hinaus drohen Familienunternehmen mit Beteiligungen in Großbritannien erhebliche Mehrbelastungen bei der Erbschaft- und Schenkungsteuer. Begünstigungen bei der Erbschaftsteuer setzen einen Unternehmenssitz in einem EU-Mitgliedstaat voraus (Manfred Schäfers, (18.04.2017), „Brexit birgt Steuerrisiken für deutsche Unternehmen“, Frankfurter Allgemeine.). Das größte Wagnis bei den anstehenden Brexit-Verhandlungen ist die Trennung der EU-Finanzierung. Die Briten sind nach Deutschland der zweitgrößte Nettozahler der EU. 2015 zahlte das Königreich 11,5 Milliarden Euro mehr in die EU-Töpfe ein, als es zurückerhielt. Für die Bundesrepublik waren es im Vergleich rund 14,3 Milliarden Euro. Fällt die britische Abgabe weg, muss das benötigte Geld anders aufgebracht werden. Dabei steht selbstverständlich Deutschland, als bevölkerungsreichstes und wirtschaftsstärkstes Mitgliedsland, im Fokus. Deutschland verliert im Rahmen der EU-Staaten also einen vertrauten Partner und setzt sich dem Risiko aus, künftig im Kreis der EU isolierter zu sein. Bekannt ist bereits, dass einige EU-Staaten Deutschland ohnehin schon als zu mächtig empfinden. Sie treten dem Land grundsätzlich mit Skepsis entgegen. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge drohen Deutschland zudem durch den Wegfall der britischen Beiträge zum EU-Haushalt zusätzliche Zahlungen in Höhe von 2,5 Milliarden Euro jährlich.

Hinzu kommt, dass mehr als 2500 deutsche Unternehmen einen Sitz im Vereinigten Königreich haben. Laut Statistischem Bundesamt ist das Königreich im vergangenen Jahr mit knapp 90 Milliarden Euro der drittwichtigste Exportmarkt für Deutschland gewesen. Etwa 750.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen demnach von den Exporten auf die Insel ab (Jan Dörner (24.06.2016), „Der Brexit und die Wirtschaft“, n-tv.de.). Beispielsweise fürchtet der Deutsche Hochseefischerei-Verband beängstigende Auswirkungen, wenn Großbritannien den EU-Staaten die Einreise in seine 200-Seemeilen-Zone verwehrt. Dort werden 100 Prozent der deutschen Heringe - insgesamt 55.000 Tonnen - zudem ein erheblicher Teil Makrele und Blauer Wittling gefangen. Fehlt diese Menge, könnte Fisch für den deutschen Verbraucher teurer werden. Am meisten werden jedoch die Pharma-, Kfz- und Maschinenbauunternehmen verlieren. Sie exportieren besonders viel nach Großbritannien und würden unter der Einführung von Zollhürden fatal leiden. Das Königreich ist nach den USA und Frankreich der wichtigste Absatzmarkt für Waren "Made in Germany". Güter im Wert von 86 Milliarden Euro wurden im Jahre 2016 exportiert. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt wird laut Ifo-Institut langfristig lediglich um 0,2 Prozent geringer ausfallen. Der Brexit wird somit auf jeden Fall deutlich unangenehmer für das Vereinigte Königreich. Dessen Wirtschaftsleistung wird unabsehbar um 1,7 Prozent schrumpfen (Reuters (02.06.2017), „Brexit? Für deutsche Wirtshaft verkraftbar“, Spiegel Online.). Ebenso ist erkennbar, dass die Entscheidung des Brexit-Votums insbesondere für die nachkommende Generation, welche letztendlich die Folgen der Entscheidung in den kommenden Jahren tragen muss, am unverständlichsten ist. Zu sehen ist bereits, dass die Attraktivität der britischen Unis für internationale Studierenden nachgelassen hat (Unknown (08.12.2016), „Was der Brexit für die Deutschen in England bedeutet“, Handelsblatt.). Großbritannien hat sich bezüglich der Bildungsförderung junger Menschen selbst ins „Abseits“ katapultiert.

Das Referendum spaltet das Land. Die eine Hälfte ist begeistert, die andere am Boden zerstört. In Umfragen hatten sich vor allem ältere Menschen für den Brexit ausgesprochen, jüngere Wähler waren mehrheitlich für den Verbleib in der EU. Meiner Meinung nach ist es wichtig zu sehen, dass die EU in der Vergangenheit viel Gutes gebracht hat. Die Prinzipien, auf denen sie gegründet wurde, sind wichtig und schützenswert. Daher ist es völlig irrsinnig diesen gesicherten Rahmen urplötzlich aufzugeben. Ich bin davon überzeugt, dass das Vereinigte Königreich als Teil der EU eine stärkere Rolle in der Welt spielen kann als alleine. Außerdem ist dieses Land für seine Weltoffenheit bekannt und beliebt. Es ist enttäuschend, dass dies nun ein Stück weit in Frage gestellt wird.