Presseerklärung des IPZ: 1,5 Mrd. für Interrail-Tickets? Besser die vorhandenen Strukturen der Städte- und Schulpartnerschaften stärken

Hürth (ipz). Der Beschluss des Europäischen Parlaments mit der Forderung, dass jeder 18-Jährige aus der EU ein kostenloses Interrail-Ticket bekommen soll, um ein europäisches Bewusstsein zu schaffen, stößt beim bundesweit agierenden Institut für europäische Partnerschaften und internationale Zusammenarbeit e.V. (IPZ) nicht nur auf Verständnis. In der EU existieren bereits gut funktionierende Programme, die Menschen aller Altersgruppen Aufenthalte im europäischen Ausland ermöglichen. Diese Programme werden jedoch  mit immer weniger Finanzmitteln ausgestattet. Anstatt wieder etwas Neues einzuführen, schlägt das IPZ vor, bereits bestehende Programme und Strukturen finanziell besser auszustatten.

Das IPZ plädiert für eine Stärkung des Programms Europa für Bürgerinnen und Bürger, und hier insbesondere den Aktionsbereich „Bürgerbegegnungen“. Dieses wird jährlich von vielen Kommunen und Partnerschaftsvereinen genutzt, um Europa vor Ort zu erleben. Bei der Zusammenkunft von verschwisterten und befreundeten Städten in Europa lernen unterschiedliche Bürgergruppen – darunter viele junge Menschen –sich kennen und sprechen gemeinsam über politische Themen, die die Menschen in Europa bewegen - wie der Brexit, die Zukunft der EU, die Flüchtlingskrise, Rechtspopulismus und Jugendarbeitslosigkeit. So entsteht ein europäisches Bewusstsein und gegenseitiges Verständnis!


Die bürokratischen Hürden verbunden mit diesem Programm sind jedoch hoch und die finanziellen Mittel, die zur Verfügung stehen, werden seit Jahren gedrosselt. Für den Zeitraum 2014-2020 stehen für das gesamte Programm „nur“ 186 Millionen Euro zur Verfügung. Dabei werden jährlich ca. 5 Millionen Euro für die Durchführung von Bürgerbegegnungen eingesetzt. Die Gerüchteküche behauptet sogar, dass dieses verhältnismäßig kleine Programm ab 2021 komplett gestrichen werden könnte. Ein Unding, sagt Anna Noddeland, Institutsleiterin des IPZ, wenn man die aktuell destruktive Lage der EU und den hervorragenden Beitrag der Städte-, Schul- und Vereinspartnerschaften zu Freundschaften in Europa, dem europäischen Bewusstsein und der Aufklärung über den Bedarf des europäischen Integrationsprozesses betrachtet. Nicht nur, dass die Bundesregierung vor Jahren die finanzielle Unterstützung für Kommunalpartnerschaften gestrichen hat, nun könnte die EU folgen, die eindeutig als größter Profiteur von dem Engagement der Multiplikatoren hervorsticht.


Das IPZ schlägt vor, statt 1,5 Milliarden EURO in Zugtickets für 18-Jährige zu investieren, lieber nachhaltig den Kontakt mit Menschen (und nicht nur Orten) in Europa zu ermöglichen. Verstärkte Begegnungen und Projekte unter den Bürgerinnen und Bürgern führen zu freundschaftliche Beziehungen und mehr Verständnis für die Situation der anderen Europäer. Hierfür benötigen sie aber die Aufstockung der Finanzmittel im EU-Haushalt für die Bürgerbegegnungen und die Schüler- und Jugendbegegnungen im Rahmen vom Erasmus+, so Noddeland weiter. Denn die allgemeine schlechte Finanzlage der Kommunen führt dazu, dass bei den freiwilligen Leistungen gespart wird und darunter fallen häufig die internationalen Beziehungen der Kommunen. Somit reduzieren die Kommunen die Städtepartnerschaftsprojekte und unterstützen aktive Vereine nicht länger in ihrer Arbeit für die Völkerverständigung.

Institutsleiterin Anna Noddeland legt dazu im Namen des IPZ, einem Verein mit 529 Mitgliedern (Kommunen, Partnerschaftsvereine und Schulen) eine Reihe von Argumenten vor, weshalb das Geld besser in bestehende Programme aufgehoben wäre.

"Um Europa besser kennen zu lernen und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, reicht es nicht aus, Europa mit dem Zug zu bereisen. Viel wichtiger ist das Zusammenkommen und der Austausch mit Menschen aus den verschiedenen Ländern“, erklärte Noddeland am 14. November bei einer Tagung des Instituts in Nassau an der Lahn (Rheinland-Pfalz). Die Bedeutung der Städtepartnerschaftsvereine, der Kommunen und Schulen für den europäischen Integrationsprozess ist immens, jedoch finden diese Bemühungen nicht den verdienten Rückhalt in Politik und Gesellschaft. Durch die jahrzehntelangen Beziehungen konnten Vorurteile und Probleme zwischen den Bürgerinnen und Bürgern beseitigt werden. Dies ist jedoch ein andauernder Prozess, denn Frieden und Freundschaften sind nie final erreicht. Die Akteure müssen stets an ihren ausländischen Freundschaftsbeziehungen arbeiten, denn gerade die jüngsten Entwicklungen in Europa haben gezeigt, dass Erreichtes nicht als gegeben bewertet werden kann. Aktuelle Veränderungen in der Welt und Europa können jederzeit den Status quo in der Europäischen Union gefährden und die Kooperationen um Jahrzehnte zurückwerfen.

Um dies zu verhindern, setzt sich das IPZ seit drei Jahrzehnten für die Völkerverständigung und das Miteinander ein. Mit Aufklärung durch Informationsveranstaltungen für Jung und Alt, Unterstützung für die Multiplikatoren der Partnerschaftsarbeit auf kommunaler und bürgerschaftlicher Ebene sowie Beratungsangebote werden die Bemühungen der Akteure an der Basis in Europa unterstützt.

Die freundschaftlichen Beziehungen der Kommunen, Schulen und Vereine sind nicht gratis, durch ehrenamtliche Tätigkeiten werden die Kosten jedoch stets so gering wie möglich gehalten. Viele überzeugte Europäerinnen und Europäer in den Institutionen leisten Woche für Woche zahlreiche Stunden, um das Miteinander der Bürgerinnen und Bürger in Europa bei Begegnungen und Projekten zu ermöglichen. Davon profitiert die EU und dies sollte auch mit mehr finanzieller Unterstützung belohnt werden.

Hintergrund: Die EU-Abgeordneten debattieren seit dem 4.10.2016 über den Vorschlag, jungen Europäern zum 18. Geburtstag ein Gratis-Interrail-Ticket zu schenken, um Europa besser kennenzulernen.